Meine Finger sind zu kurz

Meine Finger sind zu kurz, zu dick oder zu schwach. Sie sind zu stark oder zu lang, zu unbeweglich. Diese Sätze hab ich schon unzählige Male gehört.

Bis jetzt hat sich noch jede meiner Schülerinnen und Schüler über die eigenen Hände beklagt. Meistens scheinen die Finger zu kurz oder zu dick, eine Schülerin war allerdings auch schon ganz verzweifelt, weil ihre Finger zu lang wären.

Bis jetzt hat sich noch jeder meiner Schülerinnen und Schüler über die eigenen Hände beklagt. Meistens scheinen die Finger zu kurz oder zu dick, eine Schülerin war allerdings auch schon ganz verzweifelt, weil ihre Finger zu lang wären.
(c) Mcky Stocker / Shutterstock.com

Meine Finger sind zu kurz

Meistens sind nicht die Länge der Finger schuld, dass wir einen Akkord nicht greifen können, sondern die Position unserer Hand und die Greiftechnik generell.

Je größer der Winkel zwischen der Handfläche und dem Gitarrenhals ist, desto größer ist auch der Abstand, den zum Beispiel der Ringfinger überbrücken muss, damit er überhaupt den zu drückenden Bund erreicht. Eine Handfläche parallel zum Hals bedeutet kurze Abstände und erleichtert das Greifen. Das erkennt man recht gut an den Finger: sind sie parallel zu den Bundstäbchen ist es auch die restliche Hand.

Meine Finger sind zu schwach

Das ist manchmal bei Kindern und bei Frauen ein kleines Problem. Man muss die Saiten ausreichend kräftig auf das Bundstäbchen drücken, sonst kann kein schöner Ton entstehen. Das Zauberwort hier ist „ausreichend“. Man braucht also nicht viel Kraft, sondern nur genügend.

Barrée-Griffe brauchen etwas mehr Kraft, und etwas andere Kraft, weil wir mehrere Saiten mit der Seite unseres Fingers niederdrücken müssen.

In allen Fällen ist es wichtig, dass uns der Daumen beim Greifen unterstützt und nicht behindert. Am besten tut er das hinter den Fingern irgendwo zwischen Zeige- und Ringfinger. Wenn der Daumen als „Gegengewicht“ für die restlichen Finger fehlt, drücken die ins Leere und können nur schwer die notwendige Kraft entwickeln.

Die spezifische Kraft, die man zum Gitarre Spielen braucht, erlernt man am besten durch das Spielen und Üben der Gitarre.

Zu viel Kraft

Die meisten Männer auf der anderen Seite verwenden anfangs viel zu viel Kraft. Man braucht jedoch viel weniger Kraft als man glaubt. Vorausgesetzt man hat die richtige Technik.

Zu festes Drücken verbessert den Ton nicht, im Gegenteil. Bei dünneren Saiten – zum Beispiel auf der E-Gitarre – bewirkt zu viel Kraft ein leichtes Bending und die Gitarre hört sich verstimmt an.

Zu viel Kraft und damit verkrampftes Spielen ist ausserdem sehr langsam, weil man die Verkrampfung vor jeder neuen Bewegung erst lösen muss. Das dauert.

Darüber hinaus ist zu viel Kraft schmerzhaft: für die Fingerspitzen und für das gesamte Handgelenk.

Die richtige Gitarre für kleine Hände

Wir müssen uns das Leben aber nicht schwerer machen, als es eh schon ist, und es ist wichtig, mit einer Gitarre zu spielen, die von der Größe zu uns passt. Gerade als Anfänger ist man mit genügend Schwierigkeiten konfrontiert, die sollte einem die eigene Gitarre nicht noch zusätzlich verschärfen.

Hier eine Tabelle, aus der die Zuordnung der Körpergrößen zu den Mensurlängen und den gängigsten klassischen Gitarrengrößen hervorgeht, die Faustregel lautet Mensurlänge = Körgergröße x 0,36:

Körpergröße ca. (cm)122133147161175180
Mensurlänge (cm)444853586365
Größenbezeichnung1/8-Git1/41/23/47/81/1
(c) European Guitar Teachers Association

Am besten im Musikgeschäft beraten lassen und ausprobieren.

Ausreden 

Dass Deine Finger zu kurz oder zu dick sind, sind natürlich nur Ausreden. Wenn zu 10 funktionierende Finger hast, bist Du bestens fürs Gitarre Spielen geeignet, und wenn nicht, dann auch, es braucht nur grössere Anstrengungen.

Was alles geht, wenn man wirklich will, zeigen uns die Geschichten von Tony Iommi und Django Reinhardt.

Tony Iommi

Tony Iommi performs at Chicago's Charter One Pavilion on June 11, 2009. Photo by Adam Bielawki

Tony Iommi, der als Gitarrist von Black Sabbath den Heavy Metal quasi erfunden hat, hatte als Teenager mit 17 Jahren bei einem schweren Arbeitsunfall in einer Metallfabrik Teile der Fingerkuppen am Mittel- und Ringfinger seiner rechten (Greif-) Hand verloren.

Er hatte schon mit dem Gitarre Spielen aufgegeben, aber ein Freund spielte ihm eine Platte von Django Reinhardt vor und ermutigte ihn weiter zu machen.

Tony Iommi trägt heute Plastikfingerkuppen und verwendet nur sehr dünne Saiten, um überhaupt spielen zu können.

Black Sabbath spielen „N.I.B.“ ein allerletztes mal live.

Django Reinhardt

Django Reinhardt at the Aquarium jazz club in New York, NY, Photo by William P. Gottlieb

Der belgische Gitarrist Django Reinhardt (1910-1953) gilt als ein Begründer bzw. Vorreiter des europäischen Jazz.

Mit 18 Jahren erlitt er schwere Verletzungen beim Brand seines Wohnwagens, sein rechtes Bein war gelähmt und seine linke Hand wurde stark verbrannt.

In den folgenden Jahren entwickelte Django Reinhardt eine neue virtuose Spieltechnik, bei der er für das Spielen der Melodie lediglich Zeige- und Mittelfinger einsetzte. Für Akkorde konnte er in beschränktem Maße den Ringfinger und kleinen Finger zu Hilfe nehmen, deshalb benutzte er ausgiebig den Daumen.

Django Reinhardt 1939

Deine Finger sind nicht zu kurz, Du musst nur mehr üben

Das Einzige was hilft ist Üben und Spielen. Tägliches, gewissenhaftes Üben und Spielen. Egal mit welchen Fingern Du geboren wurdest und wie sich Deine Finger im Laufe Deines Lebens entwickelt haben.

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