Daheim konnte ich das besser

Du hast richtig brav geübt und endlich ist es an der Zeit, stolz das Ergebnis Deinen Freunden zu präsentieren. Du machst Dich bereit, atmest noch einmal tief durch und legst los… Und dann will und will es nicht richtig funktionieren! Deine Finger wollen Dir nicht recht gehorchen, die Fehler häufen sich und Du verkrampfst Dich noch mehr. Wenn Du Glück hast, beisst Du Dich noch bis zum Ende durch, oder aber Du brichst irgendwann mittendrin frustriert ab: „Daheim konnte ich das besser!“

Daheim konnte ich das besser.

Es ist ein sonnendurchfluteter Sonntagvormittag im Frühling. Du hattest eine erholsame Nacht, hast gut gefrühstückt, alles Notwendige erledigt und hast Deine Wohnung für Dich allein. Entspannt setzt Du Dich in Deinen bequemsten Sessel, ein leichtes Lüfterl trägt sanftes Vogelgezwitscher durch das geöffnete Fenster. Du blätterst noch einmal kurz durch die Noten, stimmst die Gitarre und dann legst Du los. Entspannt und ohne Anstrengung spielst Du das Stück.

Das sind Deine 100 Prozent.

Von hier geht’s aber leider bergab.

Innere und äussere Gründe fürs „Scheitern“

Es gibt viele Ursachen, die uns davon abhalten unser volles Potential abzurufen. Man kann grob ziwschen inneren und äusseren Ursachen unterscheiden, obwohl man trefflich streiten könnte, ob es überhaupt äußere Faktoren gibt. Schließlich kommt es letzlich nur darauf an, wie man auf diese Faktoren innerlich reagiert.

Zu den inneren Faktoren können wir zählen, wenn wir zum Beispiel mit Anderen musizieren und nicht „abstinken“ wollen, oder wenn wir vor Freunden spielen und Angst haben was sie von uns halten wenn wir „versagen“ oder unsere Darbietung „nicht gut genug“ ist. Auch der Wunsch, alles Gelernte zu zeigen, zu beweisen was man schon alles kann, gehört dazu.

Zu den Ursachen, die eher von Aussen auf unsere Gedanken einwirken zählen zum Beispiel Streit in der Familie, Stress im Job, schlechter Schlaf, ein zu schweres Essen vom Vortag, Krankheit, oder generell einfach ein mieser Tag.

Egal ob es sich um innere oder äussere Ursachen handelt, das Ergebnis ist immer das gleiche: Du kommst an Deine 100 Prozent nicht heran, und kannst nur 50 oder 60 Prozent Deines Könnens abrufen.

Zwei Lösungen

1. Mehr Üben. Du musst ganz einfach noch mehr üben. So wirst Du immer besser, hebst Deinen Level immer weiter an, so dass die 50 bis 60 Prozent, die Du unter Stress zu leisten im Stande bist, am Ende ausreichen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Du weiter übst, auch wenn Du das Gelernte schon „kannst“ und es Dir leicht erscheint.

2. Sich weniger Stress machen. Je mehr Du Dich in einer stressigen Situation entspannen kannst, je weniger Du Dich selbst fertig machst, umso näher kommst Du an Dein optimales Können heran. Das heißt, Du bist in der Lage, nicht 50 oder 60 Prozent sondern 70 oder 80 Prozent zu leisten. Da hilft Erfahrung ungemein. Je mehr ungewohnte, unangenehme und stressige Situationen Du überstanden hast, desto leichter fällt es Dir beim nächsten mal.

Am Besten wirkt natürlich beides gemeinsam: Mehr Üben und weniger Stress – dann können wir nicht nur mehr, sondern wir können auch mehr davon zeigen.

Daheim geht alles besser. Durch regelmässiges Üben und wachsende Erfahrung lernt man aber, Seine "Leistung" auch unter Last zu bringen.

Perfektion ist nicht erreichbar.

Im selben Ausmaß in dem unser Können steigt, steigt auch unser Empfinden für Fehler und der Anspruch an uns selbst. Das Gefühl, genug geübt zu haben, es gut genug zu können, stellt sich deshalb leider nie wirklich ein.

Die gute Nachricht ist aber: Je länger und je mehr und je besser wir üben, desto besser wird unsere Musik. Schritt für Schritt. Und wenn wir am Ende der Woche etwas besser sind als letzte Woche dann sind wir auf dem richtigen Weg!

Auch Profis spielen daheim besser

Das Problem haben übrigens alle Musiker, nicht nur Anfänger sondern auch alte Profis, darüber hinaus auch Sportler und alle darstellenden Künstler. Lampenfieber, Versagensängste und der Druck auf Anhieb Leistung bringen zu müssen führen zu verkrampften, unterdurchschnittlichen Darbietungen. 

Für eine spezielle Unterart dieses Problems gibt es sogar einen besonderen Ausdruck, es handelt sich um das sogenannte „Red Light Syndrome“.

Red Light Syndrome

where a person has musical talent, but once they are being recorded, they fall to pieces. symptoms of red light syndrome include pale skin, cold sweats and frequent mistakes.

‚it took three takes on drums for him to get that, and even on the third time, he didnt get it. im thinking he has red light syndrome…‘

Urban Dictionary

Fazit

Es ist ganz normal, dass Du Dein Können daheim besser abrufen kannst als in stressigen Situationen. Durch regelmässiges Üben und wachsende Erfahrung wirst Du lernen, Deine „Leistung“ auch unter Last zu bringen.

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